Ein tiefes Abendrot taucht den Himmel in Farben
Verwandelt ihn in Feuer.
Ein warmer Wind spielt sacht
Mit den Blättern der Bäume,
Mit den Gräsern der Wiesen.

Ein kleiner Hügel ragt vor mir auf
Darauf Blumen und Rosenbüsche
Ein schmaler Pfad sich hindurchschlängelt
Nach oben, wo dein Schloß steht
Weißes Schloß
mit weißen Pferden.

Goldene, schwere Türen
Verziert mit steinernen Mosaiken
Hohe, lange Treppen
scheinen bis in den Himmel hinauf zu führen.

Riesige Säle aus Bernstein, Samt und Seide
Hohe Fenster mit langen, zarten Vorhängen
Die durch den Luftzug wehen
Im Winde schweben.

Große, unzählige Spiegel
Durch deren Glas man bis in die Unendlichkeit blicken kann
Und die das Licht, das hereinfällt
Tausendfach reflektieren
Und die Räume von ihm durchfluten lassen.

Breite, weiche Teppiche
Die den Boden bedecken
Wie das Fell die Haut
Und über die man so leise gehen kann
Daß man seine eigenen Schritte nicht hört.

Weite, offene Flure
Durch die eine erfrischend kühle Luft zieht;
Kleine, gemütliche Zimmer
In denen das Feuer im Kamin knistert;
Mit Betten, so weich wie Wolken
Und Decken so kühl und sanft wie der Morgenhauch.

Ausgedehnte Gärten
Darin Brunnen voll sprudelndem, glitzerndem, frischem Wasser
Statuen aus Marmor
So kunstvoll und doch so schlicht.

Weite Wiesen und lichte Wälder
Erfüllt von Sonne und Farben
Erfüllt von Leben
Und einem stetigen Wirrwarr
Aus lebenden, anmutigen Wesen
Verwoben in einen ewigen Tanz
Der Liebe
Der Freude
Und einer wunderschönen, fortwährenden Musik
Deren Melodie jeden nur möglichen Ton
in sich vereinigt.

Ein hoher, strahlend blauer Himmel
Weiße Tauben fliegen vorbei
Durchqueren diesen blauen Luftozean
Wie kleine weiße Farbklekse
Auf einer riesigen Leinwand.
Bis sie auf den Dächern deines Schlosses landen.
Weißes Schloß
Mit weißen Pferden
Und weißen Tauben.

Ein Fluß gräbt sich durch die hügelige Landschaft
Leises Murmeln dringt an das Ohr
Wenn man vorübergeht
Ein Murmeln wie von tausend Stimmen
Und doch so wohlklingend und leise
Wie ein Flüstern
Das von unsagbarer Liebe spricht.

Und hier lebt auch jemand ...
DU.
Du lebst hier
Lebst in dem weißen Schloß
Mit den weißen Pferden
Und den weißen Tauben
Mit den großen, lichtdurchfluteten Sälen
Und du gehst spazieren
In diesem ewigen Garten Eden
In diesem riesigen Paradies
Mit den Wäldern, Wiesen
Und den unzähligen anderen Wundern
Die nur die Fantasie erschaffen kann.

Und ich weiß,
Ich kann dich immer hier besuchen
Ich muß nur meine Augen schließen
Und schon bin ich hier
Schon bin ich in dieser anderen Welt
In der man Dinge sehen kann
Wie sie nie ein Mensch zuvor gesehen
Und Melodien hören
Wie sie nie ein Mensch zuvor gehört hat.

Doch als ich meine Augen wieder öffne
Verblaßt dies alles
Es verschwindet
In der endlosen Weite
meiner Gedanken.

~ Und ist es nicht eine Ironie? ~
Du kannst diese Welt nur mit deinen Gedanken besuchen
Und Gedanken sind nicht so real wie die Wirklichkeit.
Dafür aber ist es vielleicht nur diese Welt,
Die dir am Ende übrigbleibt. -
Wenn alles um dich herum verschwindet:
Die Menschen, dein Leben, deine Heimat ... -
Wenn alles stirbt ...
Bleibt diese Welt bei dir.
Denn sie lebt nur durch dich
Und nur durch deinen Tod kann sie sterben.








© by Janis Purucker, 1998